Verweilen im gegenwärtigen, funkelnden Augenblick

Nach einigen Jahren mit Diamantweg-Meditationen und Belehrungen zum „Großen Siegel“ lernt man im Hier und Jetzt ohne Erwartung oder Furcht, jenseits von Morgen und Gestern zu bleiben. So verweilt man immer im gegenwärtigen, funkelnden Augenblick. Bis dies geschieht und man das innere Licht des Erlebens verwirklicht hat, erscheint einem die Welt als das Vielfältige, das ständig kommt und geht. Deswegen sollen Buddhas Ratschläge vor allem auf den höchsten Ebenen helfen, Hindernisse auf dem Weg abzubauen. Der Erleber zu sein und nichts nachzulaufen oder zu befürchten, heißt „Richtiges Verweilen“. Der Geist ist eben kein Ding: er ist Raum. Wer Äußeres wie Inneres beobachtet, wird feststellen, dass außer Raum alles Erlebte irgendwann entstand, sich gerade jetzt ändert und sich danach auch wieder auflösen wird. Nichts Bedingtes kann also dauerhaft sein. „Nehmt nicht Zuflucht zu den Erscheinungen“, sagte Buddha und zeigte stattdessen auf die unvergängliche Buddha-Natur, die einem jeden innewohnt. Alleine wahr ist, was gerade jetzt durch die Augen der Wesen schaut und durch ihre Ohren hört. Es hat keine Farbe, kann also nicht aus der Mode kommen, falls diese wechselt. Es macht nicht dick und kann nicht ungesund werden. Seinem Wesen nach ist der Geist einfach weiter, offener Raum voller Möglichkeiten.

Dieser Raum kann unterschiedlich verstanden werden. Mathematisch begabte Menschen denken an ein ,,neutrales Element“, andere an etwas noch nicht Geschehenes, an „das Mögliche“. In meinem Geist ist Raum nicht von dem Gefühl des Weltraums getrennt, ist also etwas Spürbares und Uferloses. Er ist das, was alles umfasst. Aber gleich wie man sich diesen Raum vorstellt, als etwas Abstraktes oder eher Erlebbares, als das noch nicht Geschehene oder etwas Offenes, das von unzähligen Welten durchsegelt wird und wo sich zahllose Elementarteilchen bewegen – dieser Raum ist bestimmt kein Schwarzes Loch. Er ist nichts Fehlendes zwischen den Dingen, sondern gleicht eher einem Behälter, in dem alles entsteht, frei spielt, erfahren wird und sich auch wieder auflöst. Er ist leer von Merkmalen, leuchtend klar und bewusst und ohne jede Grenze.

~ Lama Ole Nydahl ~

Auszug aus Buddhismus Heute, Nr. 26

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